Vor über einem Jahr bin ich, Franz, in das alte, aber wunderschöne Kloster in Lankwitz gezogen – mit großer Neugier und ohne genau zu wissen, was mich dort erwarten würde. Niemals hätte ich gedacht, dass ich eines Tages gemeinsam mit anderen Christen in einem Kloster leben würde. Mein Bild vom Klosterleben war bis dahin sehr einseitig und eng gefasst: Ich stellte mir vor, dort lebten ausschließlich Ordensleute, die sich ganz aus dem Berufsleben zurückgezogen hatten, um ihr Leben in Gebet und Stille zu verbringen. Doch die Gemeinschaft Chemin Neuf hat mir in den vergangenen Monaten gezeigt, dass Klosterleben auch ganz anders aussehen kann.
Gott hat bereits vor über drei Jahren begonnen, meinen Weg mit katholischen und orthodoxen Geschwistern zu kreuzen. Schritt für Schritt durfte ich Vorurteile abbauen und eine wachsende Liebe für den Leib Christi entwickeln. Theologische Unterschiede rückten dabei immer mehr in den Hintergrund. Bis heute begleitet mich das Bild vom Rad mit seinen Speichen: Menschen aus ganz unterschiedlichen kirchlichen Prägungen bewegen sich auf Christus in der Mitte zu – und je näher wir ihm kommen, desto näher kommen wir auch einander. Jesus überwindet Mauern, Dogmen und Unterschiede.
Als feststand, dass ich aus Nürnberg nach Berlin ziehen würde, um hier eine christliche Fußballarbeit aufzubauen, empfahl mir eine Freundin, Kontakt zur Gemeinschaft Chemin Neuf aufzunehmen. „Eine katholisch-charismatische Bewegung?“ fragte ich mich neugierig. Wer ist das? Was machen sie? Als jemand mit freikirchlichem Hintergrund war ich sofort interessiert.
Seitdem bin ich dabei, die Schönheit alter christlicher Traditionen neu zu entdecken. Viele dieser geistlichen Schätze sind im Lauf der Geschichte verloren gegangen oder verschüttet worden. Es braucht Zeit und oft einen Vertrauensvorschuss, um ihren Reichtum wieder neu zu erschließen – aber es lohnt sich. Heute haben viele Christen im Westen kaum noch Zugang zu festen Gebetszeiten oder dem Stundengebet. Ich beginne gerade erst, davon einen ersten Geschmack zu bekommen. Die apostolischen Kirchen haben so viel zu geben, und ich freue mich, bei Chemin Neuf ein kleines Stück dieses Reichtums heben zu dürfen.
Besonders faszinieren mich die tiefe Glaubenspraxis und Weisheit der ersten Christen – aus einer Zeit, bevor es Kirchenspaltungen gab. Ich bin überzeugt, dass viele der Kirchenväter und Heiligen uns auch heute noch wertvolle Impulse für die Herausforderungen unserer Zeit geben können.
Ein weiterer Schatz, den ich gerade entdecke, ist die heilige Messe mit ihrer reichen Liturgie. Sie ist so viel mehr als das bloße Lesen eines Evangeliumstextes – sie ist eine lebendige Begegnung mit dem Geheimnis Jesu, hier und jetzt. In der Feier der Messe dürfen wir uns als Gläubige mit einer geistlichen Realität verbinden, die weit über das Sichtbare hinausgeht. Jesus ist ganz gegenwärtig – und wir dürfen mit ihm diese Feier begehen.